Im Alltag angekommen 2


Vor einem halben Jahr habe ich angekündigt, dass ich während des ersten Winters nach meiner Karriere berichten will, wie ich im neuen Lebensabschnitt zurechtkomme. Bevor der letzte Schnee vertrieben ist, möchte ich euch deshalb erzählen, wie ich im Alltag angekommen bin.

Während den letzten Monaten wurde ich oft gefragt, ob ich den Skisport vermisse. Direkt gefragt, sage ich, „nein“. Ganz so einfach ist die Antwort allerdings nicht. Grundsätzlich vermisse ich den Rennsport nicht, aber manchmal fehlen mir Teile davon und es gab Momente, in denen Wehmut aufkam. Einige dieser Momente beschreibe ich in diesen Bericht.

Im Oktober, zu dem Zeitpunkt als in früheren Jahren die Anspannung stieg und das Rennfieber greifbarer wurde, dachte ich manchmal, was meine Kollegen wohl gerade machen und wie es wohl wäre jetzt vor dem Saisonstart zu stehen. Als ich dann den ersten Weltcup-Slalom Mitte November im TV verfolgte, war tatsächlich etwas Wehmut dabei. Schliesslich kannte ich beinahe alle Startenden persönlich und auch neben den Schweizern hatte es einige Kollegen dabei.
Während meine ehemaligen Skikollegen die ersten Rennen hinter sich hatten, machte ich mich Ende November (Ende November!!!) erstmals auf die Piste. Ein super Gefühl, wieder auf den Slalom-Skis zu stehen. Bis kurz vor der Kaffeepause: Schlechtes Licht, kleine Unebenheit, ich im Versuch schöne Slalomradien zu schneiden und ein Sturz, wie ich ihn die letzten Jahre nie erlebte. Dabei warf es mich beinahe aus den Schuhen. Ich kam mir vor wie ein ambitionierter Pistenfahrer, der schlecht vorbereitet in die Saison steigt und seine Grenzen nicht kennt..;-) Nun, das geschwollene Fussgelenk war nach zwei Wochen wieder in Ordnung und im Verlauf des Winters merkte ich, dass ich das Skifahren doch nicht schon nach einem Sommer verlernt hatte. Überhaupt machte mir das freie Skifahren viel Spass und ich genoss die Gelegenheiten, wenn es dazu kam. Wie zum Beispiel im Dezember an den Ochsner Sport Ski Days in Silvaplana. Dank meinem früheren Hauptsponsor bekam ich die Gelegenheit, dort mehrere Tage mit Teilnehmenden der Ski-Days Ski zu fahren und die Berge zu geniessen. Ich genoss dies sehr bewusst. Während den letzten zehn Jahren wurde es zu einer Selbstverständlichkeit, dass ich unter der Woche in den grössten und besten Skigebieten auf fast leeren Pisten fahren durfte und dabei meistens sogar das Liftticket und die Unterkunft vom Verband übernommen wurde. Nun, ich wusste es zu schätzen und rückblickend betrachtet sogar noch mehr. Da ich nun auch einen geregelten Arbeitsalltag habe und zudem am Samstag Morgen jeweils die Schulbank drücke, beschränkte sich im letzten Winter die Möglichkeit Skifahren zu gehen meistens auf den Sonntag. Das Verlangen Ski zu fahren kollidierte dazu mit dem Wunsch, das eine oder andere Mal auf eine Skitour zu gehen. Etwas, das ich in der Vergangenheit nicht viel machen konnte und im letzten Winter öfters verfolgen wollte.

Wenn ich die Rennen im Fernsehen schaute, war ich jeweils der klassische Schweizer Ski-Fan. Die Weltcup-Slaloms allerdings verfolgte ich noch etwas interessierter und hatte dabei oft schöne Erinnerungen im Hinterkopf. Ein spezielles Gefühl war, als ich den ersten Weltcup-Slalom vor Ort verfolgte. Auf der Carfahrt nach Adelboden freute ich mich wie ein kleines Kind auf Weihnachten. Je länger ich aber im ersten Lauf auf der Fanclub-Tribüne mit verfolgte, wie ein Kollege nach dem anderen in greifbarer Nähe unter mir durch den Zielraum ging, desto mehr wollte ich wieder ein Teil dieser „Ski-Familie“ sein. Ich wollte unbedingt mit meinen ehemaligen Kollegen sprechen, fragen was es Neues gibt, usw. Mein Management und Swiss-Ski ermöglichten mir dann, dass ich den zweiten Lauf im Zielraum schauen konnte. Das war ein super Erlebnis. Trotzdem war mir klar, mein Platz ist nun auf der anderen Seite des Zaunes. Ein ehemaliger Weltcup-Athlet, der immer noch nahe am Geschehen dran ist, sagte es mir in folgenden Worten: „Es ist, als wäre ich ein Teil der Ski-Familie, ich gehöre aber nicht mehr richtig dazu.“ 

Wie ihr seht, manchmal fehlte mir der Skisport etwas. Auch die Ski-WM in St.Moritz, bei der ich mich riesig für meine Kollegen freute, war ein solcher Moment. Aber bereut habe ich meinen Entscheid nie und nach etwas Anlaufzeit bin ich auch im Alltag angekommen. Anfänglich bekam ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich ein paar Tage keinen oder weniger Sport machte (wohl ein Überbleibsel der nötigen Disziplin als Athlet). Mittlerweile habe ich einen guten Rhythmus gefunden. In den Kraftraum ging ich zwar bisher nicht und verlor dementsprechend an Kraft. Ich gehe allerdings regelmässig in den Turnverein, gehe Joggen, Wandern, Skitouren und mache auch ab und zu meine Rumpfeinheiten, damit es mein Rücken weiterhin gut mit mir meint.

Ebenfalls bin ich viel hinter den Büchern. Einerseits um für die Höhere Fachschule zu lernen, welche ich während drei Jahren an zwei Tagen der Woche besuche. Anderseits um einiges an Theorie aufzuarbeiten, wovon ich in den Ski-Jahren viel vergessen hatte. Zur Erinnerung: Im Oktober habe ich die Arbeit als Elektroinstallateur bei meinem Lehrbetrieb, dem Gemeindewerk Beckenried, wieder aufgenommen. Für mich die ideale Gelegenheit im Beruf wieder Fuss zu fassen. Der Einstieg war trotzdem nicht immer einfach. Aus einem Umfeld, in dem ich um den Anschluss an die Weltspitze kämpfte, kam ich zurück in ein Gebiet, in dem ich wieder unten anfange. Von den jüngeren Mitarbeitern konnte und kann ich viel lernen. Dazu stelle ich Fragen, wenn etwas unklar ist oder lese am Abend nach der Arbeit in Fachbüchern nach, was ich am Tag vielleicht nicht wusste. Mittlerweile fühle ich mich wohl im Beruf. Nachdem der Fokus während der Lehre trotzdem auf den Sport ausgerichtet war, nehme ich den Beruf jetzt anders wahr. Ich merke, wie sehr Theorie und Technik mich interessieren. Ich arbeite im 80% Pensum und absolviere an der Höheren Fachschule Teko in Luzern den Lehrgang Techniker HF Energie und Umwelt. Beides Themen, welche mich seit Jahren sehr interessieren. Es macht mir deshalb auch Spass die Schule zu besuchen und ich bin gespannt in welche Richtung es mich verschlagen wird. Beruflich und schulisch spielt der Ehrgeiz mit, den ich aus dem Sport mitgenommen habe, aber auch mein Wissensdurst und der Wunsch, das was ich mache richtig zu machen.

Ich bin im Alltag angekommen. Ich habe mir neue Ziele gesetzt und verfolge diese mit dem gleichen Ehrgeiz, wie ich früher meine Sportkarriere vorantrieb. Mit dem Unterschied, dass ich heute den Mantel des Berufes öfters ablegen kann. Wenn ich etwas vermisse, dann sind es die Freundschaften, das Leben im Skizirkus und die Palette an Emotionen, die Sportler erleben dürfen. Ich habe aber schnell festgestellt, der berufliche Alltag ist ebenfalls interessant, spannend und voller Herausforderungen. Ich kämpfe nicht mehr um den Anschluss an die Weltspitze oder um die nationale Spitze. Ich bin wieder in meinen Lehrberuf eingestiegen und mache eine Weiterbildung. Auch da geht es nur darum Schritt für Schritt zu nehmen, das Beste zu geben und dabei Spass zu haben.

 


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2 Gedanken zu “Im Alltag angekommen

  • Daniel fahrner

    Kusi toll immer wieder deine berichte , sie fehlen uns . Das ganze WRA team wünscht dir weiterhin viel glück und ergeiz. Ps hätte noch eine idee für dich. Schreib ein buch über deine karriere erfahrungen erlebnisse höhen und tiefen. Lg dani

  • Denise Hinder

    Hallo Kusi
    Mit Interresse habe ich den ausführlichen Bericht gelesen. Es freut mich,dass Du den „Übertritt“ in das andere Berufsleben geschafft hast. Hatte auch g esehen, dass Du mit Deinem Schatz noch eine Reise gemacht hast.
    Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du all das machen kannst, was Du Dir vorstellst!!!‘
    Ich wünsche Dir, alle Gute und viel Glück und gute Gesundheit☀️
    Herzlich Denise